Harte Schale – Bunter Kern

Pestalozzischule, Leonberg

Förderschule für Kinder mit Lernschwächen auf einem innerstädtischen Hanggrundstück – Ein Ort, der die Kinder nach außen hin schützen und gleichzeitig das Miteinander im Inneren fördern soll. In Leonberg bei Stuttgart, lange Zeit Heimat des für seine leichten Konstruktionen bekannten Architekten Frei Otto, behauptet sich der Neubau der Pestalozzischule als zurückhaltend archaisches Zeichen. Zwischen Bahnhof und Innenstadt befindet sich das neue Gebäude in einem architektonisch heterogenen Umfeld aus kleinparzellierten Einfamilienhausgrundstücken, einem Gemeindezentrum aus den sechziger Jahren und dem prominenten Ziegelbau der Pestalozzischule aus der Gründerzeit.

Schutz und Öffnung

Die Architektur der Förderschule soll für Kinder mit Lernschwächen ein identitätsstiftendes Umfeld bieten, welches andere Lern- und Lehrmethoden ermöglicht. Unter Ausnutzung der topografischen Gegebenheiten der steilen Hanglage wird ein Ort geschaffen, der zum einen die Kinder nach außen hin schützen und zum anderen das freie Spielen und das Miteinander im Inneren fördern soll.
Städtebaulich besetzt der Baukörper straßenseitig die Grundstücksgrenze und nimmt den geschwungenen Straßenverlauf auf. Er fügt sich sensibel in die Topografie ein und gibt so den Blick über die begrünte Dachfläche zum Tal frei.
Seine massive, geschlossene Betonwand mit dem Bild einer rauen Brettschalung schirmt von der rückseitigen Straße ab. Im Gegensatz dazu öffnet sich das Gebäude talseitig zum Altbau der Pestalozzischule mit einer großzügigen Glasfassade. Dadurch wird sowohl ein visueller wie auch nachhaltiger Bezug zwischen Alt- und Neubau, zwischen den Schülern beider Gebäude sowie dem Innen und Außen hergestellt.

„Ein Ort, der die Kinder nach außen hin schützen und gleichzeitig das freie Spielen und das Miteinander im Inneren fördern soll.“

Farben schaffen Orientierung

Im Inneren gliedern drei eingestellte Körper, in welchen sich die dienenden Funktionen befinden, den Raum in Flurbereich und Klassenzimmer. Vom Eingang des Gebäudes führt die fliederfarbene, geschwungene Garderobenwand in den Raum. Sie setzt ein farblich komplementäres Gegengewicht zum grünen Linoleumboden sowie den übrigen Wandflächen, welche über eine Abfolge intensiver werdender Grüntöne die einzelnen Klassenräume adressieren. Dieser lebendige Farbraum ist sowohl Erschließungsflur der Klassen- und Nebenräume als auch erweiterte Spiel- und Aufenthaltsfläche für die Kinder. Während sich der grüne Boden aus dem Flur in die Klassenräume fortsetzt, bleiben die Wände hier farblich neutral, um eine konzentrierte Lernatmosphäre zu schaffen. Lediglich die flurseitige Wand nimmt Bezug auf den jeweils den Räumen zugeordneten Grünton.

Licht und Luft

Das Gefühl von geborgener Offenheit wird erreicht durch die räumliche Erweiterung des Spielflurs zum geschützten Innenhof, der als „grünes“ Klassenzimmer einen Puffer zwischen Straße und Innenraum bildet und den Flurbereich über eine Glasfassade mit Tageslicht versorgt. Alle Klassenräume orientieren sich zum Schulhof sowie zum Altbau. Die raumhohe Glasfassade sowie großzügige raumbildende Oberlichter ermöglichen eine lernfreundliche natürliche Belichtung der Klassenräume und somit den weitgehenden Verzicht auf künstliches Licht während der Unterrichtszeiten. Weitere Oberlichter sorgen im geschützten Garderobenbereich des Flurs für eine angenehme Atmosphäre.

„In einem diffusen Umfeld behauptet sich der Neubau als zurückhaltend archaisches Zeichen.“

Lebendiges Relief

Die massive Hülle des Gebäudes besteht aus einer zweischaligen Ortbetonkonstruktion mit Kerndämmung. Durch die Abwandlung einer traditionellen Stülpschalung bildet die Oberfläche der Außenschale ein starkes Relief. Es wurden drei, in Stärke und Breite variierende Brettgrößen verwendet. Keilförmige Brettzuschnitte, welche in regelmäßigen Abständen eingesetzt wurden, bewirken das graduelle Kippen des Fassadenbildes gegen den Hang. Unter dem Einsatz von sägerauen Brettern entsteht so eine lebendige Textur.

Projektinformationen

Ort

Leonberg, Deutschland

Projektstatus

realisiert

Auftraggeber

Stadt Leonberg

in Kooperation mit

Gabi Dongus

Fotografie

Patricia Neligan

Leistungen

LP 1 – 7

Fläche

428 m²

Baukosten

700.000,00 €

Bearbeitungszeitraum

2008

Fertigstellung

2009

Publikationen

Architektur International