Im Block

Wohnhaus Braystaße, München

Wettbewerbsbeitrag zur Wohnbebauung eines innerstädtischen Blocks in München - 74 Wohneinheiten besetzen das Innere eines teilweise denkmalgeschützten offenen Baublocks hinter der St. Gabriel Kirche an der Prinzregentenstraße. Die sensible Einfügung unter weitgehendem Erhalt des historischen Baumbestands sorgt für eine angemessene Nachverdichtung und bewahrt gleichzeitig die Wohnqualität der Bestandsbauten sowie die Charakter des Quartiers.

Präzision und Unschärfe - Strategie des Raums

Die schnelle Wahrnehmung des öffentlichen Raums ist Strategie der Entwurfsentscheidung, dem stark frequentierten Bereich der Einsteinstraße und Prinzregentenstraße, mit den präzisen städtebaulichen Setzungen, entgegenzuwirken. Entlang dieser Linien besteht eine exakt definierte Raumkante mit einer geschlossenen Baumassenformation, die teilweise denkmalgeschützt ist. Der ruhige, intime Hof bildet den Auftakt einer Baumassenagglomeration, die an räumlicher Signifikanz bewusst abnimmt. Die allseits orientierten Häuser stellen hier Individuen dar, mit eher diffus zugeordneten, räumlichen Begrenzungen

Orientierung - Ordnung und Chaos

Baumassen mit hoher Zeichenhaftigkeit - dem bestehenden Blockrand - wird eine signifikant konträre Typologie entgegengesetzt. Der hohen Ordnung eines offenen Blockrands folgt im Blockinneren die unregelmäßige Anordnung einer bandförmig oszillierenden und skulptural abgestuften Bebauung. Beides, Ordnung und Chaos, führen in ausbalancierter Form zur Unverwechselbarkeit und Orientierungsfähigkeit eines Ortes (mind mapping). Die enge Kommunikation mit den bestehenden Vegetationselementen und der bewusste Gegensatz in der farblichen Gestaltung der Gebäude (rot – grün) führt zur Steigerung eines unverwechselbaren Quartiercharakters.

Baumassen mit hoher Zeichenhaftigkeit - dem bestehenden Blockrand - wird eine signifikant konträre Typologie entgegengesetzt.

Wohnwert - privat und gemeinschaftlich

Konflikte im sozialen Bereich werden durch eine scharfe Abgrenzung privater und öffentlicher Räume vermieden. Die verdichteten, bis zu sechsgeschossigen Bauten stellen ausreichend große öffentliche und gemeinschaftlich genutzte Räume als Freiflächen zur Verfügung. Zur Sicherung privater Belange dienen ausreichend große Gebäudedistanzen. Formen individuellen Wohnens und gemeinschaftlicher Begegnung können realisiert werden. 

Ökonomie - dauerhaft und flexibel

Zur Sicherung wirtschaftlicher Bedingungen (Erstellung und Unterhalt) sind alle Gebäude mit einem sehr guten Verhältnis Volumen/Hülle und einer ökonomischen Hüllflächengeometrie konzipiert. Nachhaltiges Bauen bedeutet flexibles Bauen um künftigen Anforderungen (demografische Veränderung, Veränderung der Lebensstile) dauerhaft entsprechen zu können. Zentrale Erschließungen (Treppenraum), die bereits in der städtebaulichen Grundstruktur angelegt sind, bieten höchste funktionale und räumliche Flexibilität. Die Parkierung (PKW, Fahrräder) wird in im TG zwei getrennten, komfortabel benutzbaren Ebenen angeboten. Für einen optimalen Wohnwert und einer optimalen Energiebilanz orientieren sich die Baumassen am Ergebnis einer bestmöglich verschattungsfreien Energiesimulation. 

Nachhaltiges Bauen bedeutet in erster Linie flexibles Bauen um künftigen Anforderungen - demografische Veränderung, Veränderung der Lebensstile - dauerhaft entsprechen zu können.

Konzept Wohnungsbau

Dauerhaft nachhaltige Quartiere, hohe Nutzungsflexibilität um Anpassungsleistungen in der Zukunft leicht erbringen zu können, erfordert etwas erhöhte Anfangsinvestitionen und Vorhalteflächen (Treppenraum) - ist aber eine dauerhafte Zukunftsinvestition: vorbereitet auf demografischen Wandel, veränderte Haushaltsgrößen und Lebensstile, damit also auch auf ein „lebenslanges“ altersgereches Wohnen inkl. der Option einer barrierefreien oder sogar rollstuhlgerechten Ausgestaltung nach DIN 18040 Teil 2. Ebenso lassen sich Wohngemeinschaften (auch kleine Pflegegemeinschaften) oder SOHO-Einheiten (small office home) realisieren, oder der Wohnraum gänzlich individuell flexibel frei gestalten. Jeder Einheit ist zudem ein sichtgeschützter, private Freiraum in Form einer Loggia zugeordnet. Als Ergänzung gibt es kleinteilige Joker-Räume (1/2 Räume) zur temporären Wohnraumvergrößerung und Verkleinerung, für besondere Zwecke als Gästezimmer, Musikzimmer…

Freiraumkonzept

Der wertvolle Baumbestand im Innenhof ist das Alleinstellungsmerkmal dieses Blocks. Der Blick durch und über die Baumkronen schafft ein Gefühl von Großzügigkeit, das auch mit dem Neubau erhalten bleiben soll. Mit Rücksicht auf den Baumbestand werden die vorhandenen Freiflächen sehr behutsam weiterentwickelt.
Von der Braystraße aus kommend, betritt man den Hof über einen kleinen Verteilerplatz. Von hier überblickt man den Neubau mit seinen fünf Zugängen (Adressbildung). Der Zugang führt wie bisher unterhalb der baumbestandenen Böschung parallel zum östlichen Bestandsgebäude.
Um die Privatheit der bestehenden Erdgeschosswohnungen zu sichern und als Beitrag zur Flächenentsiegelung wird der heutige Fahrweg auf 3 m verschmälert und vom Bestand abgerückt. Von diesem Hauptweg aus führen Stichwege direkt auf die Hauseingänge zu. Die Wohnqualität der Erdgeschosswohnungen des Neubaus wird so gesichert.
Im Blockinneren entwickeln sich zwei große Kinderspielflächen, die südliche mit einem zwischen die Bäume eingepassten Kletterparcours für größere Kinder, im westlichen Teil mit Angeboten für kleinere Kinder. Die hohe Aufenthaltsqualität in diesem Bereich wird unterstützt durch überlange Sitzbänke entlang der Spielflächen.

Energiekonzept

Bei der Entwicklung innovativer und nachhaltiger Gebäudekonzepte werden nach einer Energiebedarfsanalyse mit dem Ziel einer weitgehenden Minimierung des Energieverbrauchs die einzelnen Maßnahmen zur Primärenergieeinsparung und Vermeidung von Schadstoffemissionen bei der Deckung dieses Bedarfs in der Reihenfolge ihrer Wirksamkeit geordnet umgesetzt. 
Die passive Optimierung der Gebäude setzt bei der Minimierung von Wärmeverlusten durch opake Bauteile an. Die kompakte Bauweise der Gebäude und eine weitgehend wärmebrückenfreie ca. 20 cm starke Wärmedämmung auf Wänden, Dachflächen (30 cm) und unterhalb der Kellerdecke sichert in Kombination mit 3-fach Isoliergläsern mit einem u-Wert der Verglasung von 0.7 W/m²K und optimierten Rahmenkonstruktionen einen exzellenten Wärmeschutz und hohen Nutzerkomfort in den Wohnungen.
Die individuell regulierbare Beheizung der Räume kann dadurch über einfache und kompakte Raumheizkörper erfolgen, die relativ frei platziert werden können, da ein Komfortverlust durch Kaltluftabfall an den Fenstern aufgrund des hohen Dämmwertes  der Verglasungen ausgeschlossen werden kann. Mit einer kontrollierten Be- und Entlüftung jeder Wohnung über in der Tiefgarage angeordnete Kompaktlüftungsanlagen werden definierte Frischluftwechselraten und hohe Luftqualität bei hohen Rückwärmezahlen sicher gestellt. 
Durch diese weitgehende Optimierung der Wärmebedarfs für die Beheizung kann ein sehr guter Niedrigenergiestandard mit einem spezifischen Wärmebedarf von etwa 35 kWh/m²a erreicht werden. Etwa die Hälfte dieses Kennwertes wird für die ganzjährig erforderliche Warmwasserbereitung benötigt.
Für die zentrale Wärmeversorgung über ein eigenes Nahwärmenetz werden gasbetriebene BHKW-Module in Kombination mit einem Gasbrennwertspitzenkessel vorgeschlagen. Dabei arbeitet das BHKW mit einem zentralen Pufferspeicher und ist nur auf einen Teil der maximalen Heizleistung dimensioniert, damit ausreichend lange Laufzeiten und ein wirtschaftlicher Betrieb erreicht werden.
Um den Primärenergieverbrauch weiter zu senken, sollen auch die Dachflächen zur Energieproduktion genutzt werden.  
Auf den Gebäudedächern  werden Photovoltaikmodule zur Netz gekoppelten Stromerzeugung eingesetzt. Dabei werden oberhalb der Wasser führenden Dachebene Module horizontal aufgeständert, um eine entsprechende Hinterlüftung der Module zu gewährleisten. Damit können Standard PV-Module montiert und die vorhandenen Dachflächen zu etwa 70% mit aktiven Modulen belegt werden. Bei Verwendung von poly- oder monokristallinen Solarzellen kann an sonnigen Tagen eine elektrische Spitzenleistung von 100 kW solar auf den Dächern erzeugt werden.  
Die weitgehende Optimierung des Wärmebedarfs der Gebäude sowie die optimierte Wärmeversorgung über das Wärmenetz mit Kraft-Wärme-Kopplung und die dachintegrierte Stromerzeugung führt zu einem primärenergetisch optimierten und zukunftsweisenden Gesamtkonzept für die Wohnbebauung.

Projektinformationen

Ort

München, Deutschland

Auftraggeber

Bayerische Landesbrandversicherung Aktiengesellschaft

Team

Yang Feng

in Kooperation mit

Fink+Jocher Architekten
Frank Roser Landschaftsarchitektur
Transsolar Energietechnik GmbH

Verfahrens-/Projektart

Wettbewerb

Bearbeitungszeitraum

2011

Fertigstellung

2011

Wettbewerbe

Wohnbebauung Braystraße in München, 1. Preis